Himmel ohne Wolken

Die Serie 'Aves' von Edgar Leciejewski entzieht sich dem Versuch einer eindeutigen Zuordnung. Am Schnittpunkt von Kunst und Naturwissenschaft ließen sich die Scanografien des Künstlers, Bilder, die durch den Vorgang des Scannens entstehen, auch unter dem Schlagwort 'Vogelkunde' finden. Vielleicht kann man sie mit den Illustrationen enzyklopädischer Werke des 18. Jahrhunderts vergleichen, als die interpretativen Eingriffe wissenschaftlicher Zeichner noch als Tugend galten, bevor man ihnen im 19. Jahrhundert im Zuge der Erfindung der Fotografie den Rücken zukehrte.

In den Augen der Wissenschaft wurde die fotografische Optik zum Garant für Objektivität, sie sollte der Analyse wissenschaftlicher Objekte dienen, registrieren um zu vergleichen, zu messen, zu klassifizieren und zu archivieren. Das Verfahren der Scanografie ist in seinem Prinzip vergleichbar mit dem des Fotogramms, rezipiert als vera ikon der Natur, als ihr direkter Abdruck, authentisch und objektiv, unbeeinflusst von künstlerischer Interpretation und Gestaltung. Edgar Leciejewski jedoch setzt sich über wissenschaftliche Objektivitätsansprüche hinweg, führt uns zurück zu den Illustratoren des 18. Jahrhunderts, arrangiert, interpretiert, korrigiert.

Wichtige Merkmale zur Unterscheidung der Gattungen werden dabei zu Gunsten ästhetischer Entscheidungen aufgegeben. So verbirgt zum Beispiel die Haltung von Singdrossel, Erlenzeisig und Kohlmeise die Form ihrer Schnäbel, und Größenverhältnisse, die im Fotogramm unverfälscht sichtbar werden, lassen sich in den Scanografien von Edgar Leciejewski kaum noch nachvollziehen. Muss das Fotogramm jedoch auf die Wiedergabe von Oberflächenstrukturen verzichten, sind es eben diese, die den Betrachter der Scanografien von Edgar Leciejewski in ihrer Stofflichkeit und Schärfe überraschen.

Mit Texten von Christin Krause, Edgar Leciejewski und Carsten Tabel.