In Memory / Zur Erinnerung
Omer Fast untersucht in seinen Arbeiten die Mechanismen von Erleben, Erinnerung und Geschichte. Ausgangspunkt sind dabei oftmals präzise Ereignisse oder Begebenheiten, die er über Interviews und Rekonstruktion aus unterschiedlichsten Perspektiven beleuchtet. Die Überlagerung der Erzähl- und Darstellungsformen ist dabei eines der Hauptmerkmale seiner filmischen Arbeiten. Für Fast bedeutet Narration kein in sich geschlossenes Kontinuum, sondern ein sich durch Repetition und Reproduktion kontinuierlich veränderndes Produkt verschiedener Erzählebenen.
Auf die gleiche Weise konzipierte Fast auch dieses Buch. Texte zu seinem Werk – von Sabine Schaschl, René Zechlin, Hila Peleg & Anselm Franke, Tom Holert und Gideon Lewis-Kraus – hat er mit einem ausführlichen Anmerkungsapparat versehen, die zum einen die angesprochenen Inhalte vertiefen, zum anderen jedoch auch eine fiktionale Ebene in die kunstkritische Auseinandersetzung einbringen.
Herausgegeben von Sabine Schaschl.
Dominikus Müller schreibt auf artnet am 5. August 2010:
"Mehr als einen konzeptuellen Scherz – und das pro Seite, wohlgemerkt – leistet sich dagegen ein anderer Kunstpreisträger, nämlich Omer Fast, der letztes Jahr den 'Preis der Nationalgalerie für junge Kunst' gewann. In Memory / Zur Erinnerung ist eigentlich der Katalog zu Fasts Doppelausstellung im Kunsthaus Baselland und im Kunstverein Hannover. Doch dieses Buch ist weit mehr als ein profanes Begleitprodukt, sondern die adäquate gedruckte Umsetzung von Fasts verschlungen erzählten Filmen mit ihrer Vermischung von Realität und Fiktion, mit ihrer Thematisierung von Trauma, Erinnerung und Geschichte. Ein Buch wie ein Loop. Schon das Cover widersetzt sich der linearen Logik eines Buchs, denn der Titel prangt sowohl vorne wie hinten auf dem schicken roten Einband. Innen springt einen dann der ganze Wahnsinn der Fast’schen Meta-Erzählkunst an: Von den einführenden Worten der Herausgeberin Sabine Schaschl über das lesenswerte Interview mit den Kuratoren Anselm Franke und Hila Peleg bis hin zur re-editierten Version eines Textes von Tom Holert – Fast begleitet alle Beiträge zum Katalog. Er fügt Fußnoten ein, kommentiert, legt aus, berichtigt, widerspricht, ganz im Stile der klassischen Thora-Auslegung. Texte stapeln sich hoffnungslos übereinander, Fiktives liegt über Wahrem und Wahres über Fiktivem. In eigener Sache gibt Fast lediglich zu Protokoll, er wäre 2010 in Heathrow erschossen worden, würde aus Hannover stammen und Kunst aus Schuppen, ausgefallenen Haaren sowie gefrorenen Exkrementen machen. Das ist natürlich grenzdebiler, aber ziemlich genialer Schwachsinn – denn es erlöst diesen Katalog von der Strenge einer Werkübersicht. Zudem erlaubt die Kommentarfunktion Fast eine signifikante Einmischung, ohne die Texte seiner Autoren selbst zu berühren. Und so wird am Ende aus dem Katalog ein handfestes und mehr als überzeugendes Künstlerbuch."
Katrin Wittneven schreibt in Monopol 5/2010 (S. 120):
"Omer Fast verwirrt die Leser mit raffinierten Lügengeschichten und lässt dabei sein Alter Ego sterben.
Was für ein tragisches Ende: 2010 wird der Künstler Omer Fast auf dem Londoner Flughafen Heathrow erschossen. Ein Einwanderungsbeamter hatte sich von einem Gegenstand ins Fasts Hand bedroht gefühlt, der sich später als sein iPhone herausstellt. Wie passend also, dass sein im selben Jahr erschienenes Künstlerbuch ‚Zur Erinnerung’ heißt. Nur dass die Geschichte seines Todes erfunden ist. Ebenso wie die Hinweise, er sei in Hannover geboren worden und fertige Kunstwerke aus seinen gesammelten Schuppen, ausgefallenen Haaren und Exkrementen.
Fakt dagegen ist, dass Omer Fast 1972 in Jerusalem geboren wurde, in Berlin lebt und Filmarbeiten macht. Doppelbödige Mehrfachprojektionen über Selbstmordattentate und traumatische Kriegserlebnisse. Geflechte aus Dokumentation und Narration, aus Realität und Fiktion. Fast, der letztes Jahr in Berlin mit dem Preis der Freunde der Nationalgalerie ausgezeichnet wurde, dekonstruiert Erzählstränge, lässt sie sich überlagern und ordnet sie neu.
Diese Prinzipien hat er jetzt auf sein Buch übertragen. Nie kann sich der Leser sicher sein, was wahr ist, etwa in den Fußnoten: Die Erklärung, warum Künstler keine Hobbys haben etwa – die Akademien mit ihren Traditionen seien schuld –, geht vielleicht noch durch, aber hat Jackson Pollock wirklich in Peggy Guggenheims Kamin gepinkelt? Und zielte er dabei auf den abwesenden Duchamp? Ganz sicher war Theodor Adorno kein legendärer Kartenspieler und Woody Allen kein 1850 geborener Polizeifotograf. Fasts Geschichten entwtehen wie Missverständnisse beim Stille-Post-Spiel. Sie nehmen Abzweigungen, als ob man aus Versehen auf der falschen Webpage landet und einfach von dort weitermacht.
Statt der üblichen kunsthistorischen Einordnungen seiner Werke hat Fast bei den Kuratoren Anselm Franke und Hila Peleg ein Gespräch beauftragt, das die Diskussion seiner Arbeit vermeiden soll. Sie sprechen nun über Schauspieler und Medialität – und immer wieder mischt sich Fast sogar hier ein. Das Spektrum des Buches reicht von Berthold Brecht bis Michel Foucault, von Scheherazade bis David Foster Wallace.
Künstlerbücher seien wie Geburtstagsfeiern, schreibt Omer Fast an einer Stelle, eine heikle Angelegenheit, bei der man ‚ein bisschen hysterisch und tyrannisch’ wird. Es ist ein Vergnügen, auf diese Party eingeladen zu sein und beim Kreuz-und-quer-Lesen Türen zu immer neuen Räumen zu öffnen. Am Ende glaubt man, der Arbeit von Omer Fast sehr nahe gekommen zu sein – oder Wessen auch immer."
Die Zitty 26-2010 (S. 86) schreibt:
"Wenn der Künstler widerspricht: Leser, die es mögen, sich nicht sicher darüber zu sein, was wahr ist, werden Omer Fasts Künstlerbuch 'In Memory/Zur Erinnerung' nicht so schnell aus der Hand legen. Der Berliner Künstler forderte die Kuratoren Anselm Franke und Hila Peleg zu einem Gespräch auf, in dem sie die konkrete Diskussion seiner Arbeit vermeiden sollten. Zu lesen sind nun ihre Gedanken über Schauspieler und Medialität. Und wie schon in dem Text von Tom Holert mischt sich Omer Fast mit Fußnoten und Marginalien ein: Er kommentiert, berichtigt, widerspricht, ganz in der ästhetischen Logik des Buches, die sich wie ein Loop entwickelt. Verwirrend schön, inspirierend klug.
